KI-Geschichte(n): Zwischen Mathematik und Maschine
28. September 2026
Es gibt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, deren Arbeit erst im Rückblick ihre ganze Bedeutung erkennen lässt. Professorin Inge Troch gehörte zu ihnen.
Die am 24. Februar 1941 in Wien geborene Mathematikerin war eine der ersten Professorinnen an der Technischen Universität in Wien. Sie starb am 23. September 2026 im Alter von 85 Jahren als Folge des Einsturzes eines Wohnhauses in der Wiener Innenstadt. Ihr wissenschaftliches Leben spielte sich in einer Welt ab, in der Computer noch große Maschinen waren und Roboter vor allem in den Fabrikhallen Einzug fanden. Troch arbeitete bereits damals an einer Frage, die heute von zentraler Bedeutung ist: Wie bringt man eine Maschine dazu, sich in einer komplexen Welt richtig zu verhalten?
Für Informatik & Robotik entscheidend
Troch promovierte in Regelungsmathematik, bereits 1975 wurde sie zur Universitätsprofessorin für Regelungsmathematik, Modellbildung und Simulation berufen und das als eine der ersten Frauen überhaupt im technischen Bereich. Ihre Forschungsgebiete lagen an einer Schnittstelle, die für die spätere Informatik und Robotik entscheidend werden sollte. Eine Maschine bewegt sich und verändert ihren Zustand. Eine Steuerung muss entscheiden, was als Nächstes geschehen soll. Damit das funktioniert, muss das Verhalten der Maschine zunächst mathematisch beschrieben werden; also Modellierung, Simulation und Regelung: Diese drei Begriffe beschreiben einen wesentlichen Teil von Trochs wissenschaftlichem Lebenswerk.
Mathematische Modelle von Robotern
Besonders interessant ist ihr Beitrag zur Robotik. Troch beschäftigte sich mit mathematischen Modellen von Robotern, deren Bewegungen und deren Steuerung; unter anderem Robotermodellierung und Steuerungsprobleme. Dabei ging es um Probleme, die heute gerade im Zusammenhang mit autonomen Robotern hochaktuell sind: Bewegung, Vermeidung von Kollisionen, mathematische Beweise des Verhaltens. Troch arbeitete an solchen Fragestellungen Jahrzehnte bevor autonome Fahrzeuge, humanoide Roboter und KI-gesteuerte Maschinen zum öffentlichen Thema wurden.
War Inge Troch auch eine KI-Pionierin?
Troch arbeitete zwar nicht an künstlicher Intelligenz, wie wir sie heute mit Deep Learning, großen Sprachmodellen oder generativer KI verbinden. Ihre wissenschaftliche Heimat war die mathematische Regelungs- und Systemtheorie. Aber gerade darin liegt ihre Bedeutung für die Vorgeschichte heutiger KI und Robotik. Ein autonomer Roboter braucht weit mehr als ein neuronales Netz. Er muss seine Umgebung wahrnehmen, seinen Zustand bestimmen, mögliche Bewegungen berechnen und eine Handlung ausführen. Zwischen Wahrnehmung und Handlung liegen Modelle, Algorithmen, Simulation und Regelung. Trochs Forschung lag damit in einem Bereich, der heute zu den technischen Grundlagen intelligenter und autonomer Systeme gehört.
Der Computer als Labor
Ein weiterer wichtiger Teil ihres Vermächtnisses war die mathematische Simulation. Troch beschäftigte sich mit der Frage, wie reale dynamische Systeme mathematisch modelliert und anschließend am Computer untersucht werden können. Damit wurde der Computer zu einer Art virtuellem Labor. Autos, Flugzeuge, Roboter, Produktionsanlagen und viele andere komplexe Systeme werden simuliert, bevor sie gebaut oder eingesetzt werden. Troch gehörte zu jener Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die diese Verbindung von Mathematik und Computer systematisch entwickelten.
Ungewöhnliche Frau in einer technischen Welt
Troch wurde bereits 1975 Professorin an der TU Wien, das war auch unter gesellschaftlichen Gesichtspunkten bemerkenswert. Frauen waren damals an technischen Unis in wissenschaftlichen Führungspositionen eine Ausnahme. Troch wurde später unter anderem Leiterin des Instituts für Analysis und Scientific Computing. Ihre wissenschaftliche Arbeit umfasste mehr als 100 Publikationen in den Bereichen Kontrollmathematik, Modellierung, Simulation und Robotik. Ihr Tod beendet ein außergewöhnliches wissenschaftliches Leben. Die Fragen, mit denen sie sich beschäftigte, sind dagegen längst Teil der technologischen Gegenwart geworden.
