KI-Geschichte(n): KI-Pionier Robert Trappl im Interview
20. Mai 2026
Ein Gespräch über die Anfänge der KI in Österreich und darüber hinaus.
Sie sind seit Jahrzehnten im Bereich der Künstlichen Intelligenz tätig. Welche Meilensteine sehen Sie als wichtig an?
Der Anfang war sicherlich die Gründung der Österreichischen Studiengesellschaft für Kybernetik in Wien im Jahre 1969, basierend auf bestehenden Arbeiten, die auf dem wegweisenden Buch von Norbert Wiener fußten. Darin wird die Sicht vertreten, dass die Kybernetik der Lotse und nicht der Steuermann sein sollte. Das ist wichtig, denn in dieser Diskussion befinden wir uns auch heute bei der Künstlichen Intelligenz. Die Gesellschaft existiert noch heute und kann als „Ermöglicher“ gesehen werden.
1977 wurde beschlossen, dass man ein eigenes Universitätsinstitut gründet, und zwar innerhalb der Fakultät für Medizin der Universität Wien. Damit war ein wichtiger Schritt in die Forschung gegeben. Kurz danach, noch vor 1980, wurde bereits Artificial Intelligence in den Institutsnamen aufgenommen, dann war es das Institut für Medizinische Kyberntik und Artificial Intelligence. Ich war von Beginn an bis 2007 Institutsvorstand.
Die Gründung des Österreichischen Forschungsinstituts für Artificial Intelligence durch die Studiengesellschaft 1984 war ein weiterer Schritt, die Forschung der Künstlichen Intelligenz in Österreich zu stärken. Als wissenschaftliche Organisation war das Institut Schnittstelle zur Wirtschaft und Industrie.
Mit diesen drei Meilensteinen war ein gutes Fundament geschaffen, die Künstliche Intelligenz aus der Kybernetik schlüpfen zu lassen. Zudem konnten wir mehrere Generationen von Wissenschaftlerinnen bzw. Wissenschaftlern in diesem Forschungsfeld ausbilden und einen fortdauernden Austausch auch mit dem Ausland gewährleisten.
Wie kam da die IT ins Spiel?
1961 habe ich bei der IBM programmieren gelernt, und zwar haben wir in der ersten Woche Maschinencodes gelernt und in der zweiten Woche haben wir uns bereits mit Fortran II auseinandergesetzt. Als ich dann auf der damaligen Technischen Hochschule Wien, heute TU Wien, Elektrotechnik studiert habe, war das Programmieren ebenfalls sehr wichtig. Der Einstieg in die Informatik war also so früh wie intensiv. Auch für mein Diplomstudium in Soziologie war die Informatik für die Statistik sehr bedeutend. Wir haben damals auf Computern gearbeitet, die von IBM aus Kanada gekommen sind. Es war halt der Anfang der Informatik, und da waren die technischen Ressourcen noch sehr begrenzt, aber die statistischen Anfänge, und vor allem der Umgang mit der Computerlogik war schon sehr wichtig für das grundsätzliche Verstehen von Technik.
Politisch ist die Informatik damals stark von Initiativen von Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg durch ihr neu gegründetes Ministerium für Wissenschaft und Forschung Anfang der 1970er-Jahre forciert worden. Der Leiter der Abteilung Informationsverarbeitung im Wissenschaftsministerium, Dr. Norbert Rozsenich, hat wiederum das Thema der Künstlichen Intelligenz in die politische Ebene mitgenommen. Damit war das Thema auch in Politik und Verwaltung positioniert.
Können Sie ein wenig auf die Entwicklungsstufen der KI eingehen?
Der Begriff der Artificial Intelligence wurde 1964 bei einer Konferenz für lernende Systeme auf Computern bekannt gemacht. Das kann als Beginn der Linie zu den heutigen Anwendungen, wie z. B. Chatbots, gesehen werden. In dieser Zeit gab es auch Diskussionen über die Leistungsfähigkeit von Computern und ob die technische Nachbildung von Intelligenz überhaupt machbar ist. In Österreich fanden schon früh wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dem Nachbau von „Systemen“ im IBM-Forschungslabor statt. Dort wurden technische Lösungen aus Großbritannien und den USA weiterentwickelt. Das waren halbautonome Systeme mit einer programmierten Logik. Die waren – natürlich bedingt – auch lernfähig, mit konditionierten Reflexen, auf die sie reagiert und diese Ergebnisse verarbeitet und danach präferiert haben. Natürlich haben auch wir mit symbolischer KI gearbeitet, auch mit Fortran oder in Algol. Schon sehr früh hat aber erste Diskussionen gegeben, dass die subsymbolische KI gewinnen wird, so z. B. mit dem Ansatz, dass die Nachbildung des Nervensystems die regelbasierte Modellierung subsummieren wird. Die symbolische KI hat aber sehr lange Bestand, und auch Mischformen kamen schon lange vor.
Wie kann ein Vorgehen aussehen, die Österreich und Europa in Feld der KI voranbringt?
Die Frage ist, wie sollen sich junge Menschen der KI nähern? Europa muss viel lernen und einiges aufholen. Wenn ich mir das aktuell ansehe, wird oft zu konservativ und sehr preiswert gearbeitet. Vielleicht fehlen die großen Projekte in Europa. Wahrscheinlich wird es auch notwendig sein, dass Unternehmen Projekte stiften und stärker die europäischen Staaten bei Vorhaben unterstützen; also ein kooperativer Ansatz. In Europa sind viele gescheite Köpfe vorhanden, aber natürlich wandern davon einige ab. Europa hatte immer gute Initiatoren, die interessante und wichtige Themen und Denkansätze aufgebracht haben. Wir haben auch bei europäischen Forschungsprojekten teilgenommen. Obwohl diese sehr kompetitiv sind, ist der Nutzen groß, wenn man eines gewinnt.
Zur Person
Univ. Prof. Dr. Robert Trappl, geboren 1939, ist Gründer der Österreichischen Studiengesellschaft für Kybernetik. Als langjähriger Leiter des Instituts für Medizinische Kybernetik an der Universität Wien und als Gründungsmitglied und langjähriger Leiter des Österreichischen Forschungsinstituts für Artificial Intelligence gestaltete Trappl die KI-Landkarte in Österreich entscheidend mit.
