"Mit Pilotprojekten erzeugen wir Zugzwang für die Gesetzgebung"

Interview mit Matthias Lichtenthaler, Bereichsleiter Digitale Transformation, über wirkliche Pläne statt zahnlose Strategiepapiere und wie sich die Verwaltung neu „konfigurieren“ kann.

Portrait von Lichtenthaler Matthias

Warum wurde im BRZ der Bereich Digitale Transformation geschaffen?

Um die Bedeutung dieses Themas hervorzuheben und die Chancen der Digitalisierung effizient zu nutzen. Die digitale Transformation ist der Treiber für den Wandel bestehender Organisationsprozesse und der Entwicklung dazu passender technischer Lösungen. Für mich bildet der im BRZ neu geschaffene Bereich eine Klammer um die Leistungsbereiche des Unternehmens. Gemeinsam können wir ganzheitliche digitale Produkte und Services für unsere Kunden entwickeln. Wir sind bereit, die eigenen, aber auch die Prozesse der Kunden nutzenorientierter neu zu denken, bestehende Services zu verbessern, agiler zu wirtschaften
und innovative, nützliche Produkte ins Leben zu rufen.

Was können sich die BRZ-Kunden nun erwarten?

Das BRZ ist der innovative Partner zur Entwicklung und Umsetzung einer digitalen Strategie im Bereich der öffentlichen Verwaltung. Auf Basis einer umfassenden Analyse der Ist-Situation bestimmen wir den Grad der Digitalisierung einer Organisation und leiten – unter Nutzung vorhandener Lösungen – unmittelbar konkrete Projekte ab. Dabei bevorzugen wir standardisierte, replizierbare Services für eine Vielzahl unserer Kunden.

Digitale Transformation in der öffentlichen Verwaltung wird seit Längerem diskutiert. Wie würden Sie den Ist-Zustand skizzieren?

Derzeit befindet sich Österreich im EU-Vergleich im gehobenen Mittelfeld. Antragslose Arbeitnehmerveranlagung oder die antragslose Familienbeihilfe sind spannende Einzelinitiativen. Aber eigentlich sollten nicht nur diese singulären Prozesse „antragslos“ sein. Eine ganzheitliche Herangehensweise ist notwendig, ein wirklicher Plan dahinter ist jedoch hierzulande noch nicht erkennbar. Die kürzlich vorgestellte „Digital Roadmap Austria“ ist mir persönlich auf einem zu abstrakten Level. Vieles klingt nur nach Ankündigung … Aber es ist ein erster bedeutender Schritt.

Abseits von Einzellösungen: Was macht Digitale Transformation aus Ihrer Sicht wirklich aus?

Sie verursacht grundlegende Veränderungen. Verwaltungen, Unternehmen, Organisationen und Branchen werden zu flexiblen Produktions- und Dienstleistungs-Netzwerken.Sie „konfigurieren“ sich neu, um höherwertige Lösungen anbieten zu können, die noch stärker auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet sind.

Braucht die Verwaltung die Digitale Transformation wirklich unbedingt?

Sie ist in jeglicher Hinsicht eine Notwendigkeit, um schneller auf die sich wandelnden Bedürfnisse in Gesellschaft und Politik reagieren zu können. Es ist wie beim Telefonieren unterwegs: Da nutzt auch jeder das Smartphone, die Telefonzelle hat wenig Zukunft.

Welche Herausforderungen wird die öffentliche Verwaltung in den nächsten Jahren meistern müssen?

Die bereits erwähnte Digital Roadmap Austria muss mit vollem politischen Engagement und echtem Budget tatsächlich umgesetzt werden, um nicht zum zahnlosen Strategiepapier zu verkommen. Zusätzlich ist ein Umdenken notwendig. Das Silodenken nach dem Motto „Das ist meine Lösung für meinen Bereich“ muss enden. Auch das Verständnis für die Notwendigkeit standardisierter Lösungen muss noch wachsen. Es ist kontraproduktiv, wenn jeder an seiner eigenen Anwendung bastelt. Es geht um die Schaffung übergreifender Lösungen – und auch gemeinsamer Plattformen, um neue Technologien wie zum Beispiel Blockchain zur Transparenz und Absicherung von Prozessketten zu evaluieren.

Wo sehen Sie die wichtigsten Ansatzpunkte?

In der Umsetzung von Pilotprojekten, ohne auf alle rechtlichen und politischen Voraussetzungen zu warten. Dadurch wird Zugzwang bei spezifi schen Themen für die Gesetzgebung erzeugt, etwa bei der Blockchain. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist auch die Umsetzung einer umfassenden Serviceplattform, eines One-Stop-Shops für die Bevölkerung. Grundsätzlich gilt: Bei der Schaffung neuer Lösungen sind die End-User viel stärker miteinzubeziehen. Damit meine ich auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Verwaltung.

Digitale Transformation heißt auch verknüpftes Informationsmanagement. Kann es im Zuge der Vernetzung überhaupt noch Datensicherheit geben?

Datenschutz und Cyber- Security zählen zu den wichtigsten Agendapunkten der digitalen Transformation. Die Einhaltung der Sicherheit bedarf eines gewissen Aufwands, ist aber durchaus möglich. Um dies zu vereinfachen, steht die Positionierung einer hochsicheren „Cloud für Österreich“ mit 100 Prozent Datenhaltung im BRZ als kurzfristiges Ziel im Vordergrund. Das BRZ wird ein Cloud Competence Center mit einer serviceorientierten Architektur und weitreichenden Governance-Kompetenzen errichten.