Nahaufnahmen von Händen die ein Handy halten das einen virtuellen Bildschirm anzeigt.

Wie Daten das Schicksal von Staaten, Unternehmen und Menschen bestimmen

28. August 2019

Auf das Agrar- und Industriezeitalter folgt die Ära der Datenökonomie: Das schafft neue Markt- und Geschäftsmodelle für Unternehmen und für Staaten neue Möglichkeiten, Services für Bürger/innen anzubieten. Das birgt viele Chancen – und Gefahren.

Bei der Geburt eines Kindes sind zahlreiche Behördengänge notwendig. Für die neue Erdenbürgerin/den neuen Erdenbürger brauchen die Eltern einen Staatsbürgerschaftsnachweis, eine Geburtsurkunde, einen Meldezettel, einen Reisepass und eine e-card, also die Anmeldung bei der Krankenkasse. Anträge für Familienbeihilfe und Kindergeld sind zu machen, die Mutter muss sich darum kümmern, dass mit Mutterschutz und Karenzzeit alles richtig läuft. Das ist viel Aufwand, bis alle Dokumente ausgestellt und alle Fristen richtig eingereicht sind.

E-Government unterstützt

Ein Fortschritt sind E-Government-Plattformen, die sämtliche Behördenwege bis hin zur politischen Wahl ermöglichen. All das braucht Daten und erfordert hochkomplexe Datenverarbeitung. Was praktisch klingt, hat in der Ära der Datenökonomie weitreichende Auswirkungen. Daten werden zu einem wertvollen Gut, sie sind die Schlüsselressource sämtlicher neuer Anwendungen – in Wirtschaft und Verwaltung. In Deutschland etwa beträgt die datengetriebene Wertschöpfung fast 200 Milliarden Euro im Jahr – und das, obwohl derzeit gerade einmal 55 Prozent des Potenzials ausgeschöpft werden, sagt der Data Economy Report von Digital Realty. Die Datenökonomie wächst rasant – viel schneller noch als die deutsche Wirtschaft insgesamt. Das Potenzial ist also enorm und die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen hängt zunehmend davon ab, aus Daten neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle zu entwickeln. Auch in der öffentlichen Verwaltung entscheiden datenbasierte Innovationen über eine effiziente, schlanke Bürokratie und damit einhergehende Kosteneinsparungen.

Wem vertrauen?

Bei aller ökonomischer Nutzung ist entscheidend, dass die Bürger/innen darüber bestimmen, wer ihre Daten bekommt und wie sie verwendet werden. Letztlich soll jede/r Einzelne über die Verwendung der sie/ihn betreffenden Informationen entscheiden. Dies ist die Voraussetzung, dass Nutzer/innen dem System auch vertrauen. Das Datensammeln im großen Stil kann aber auch zur Bedrohung werden. Dann nämlich, wenn Riesenkonzerne damit ihre Marktmacht ausbauen, es zur Monopolbildung oder zu Manipulationen kommt. Die auf Wirtschaftsdatenanalysen spezialisierte Wissenschafterin Sofie Waltl vom Luxembourg Institute of Socio-Economic Research erklärte schon beim vergangenen Forum Alpbach (2018), dass die Macht der Datenökonomie zwar die Lösung für viele Probleme sein kann, dass sie andererseits aber auch Gefahren birgt. „Wenn die Daten unter nur sehr wenigen Unternehmen aufgeteilt werden, dann ist das erschreckend.“

Gute Lösungen notwendig

Justus Haucap, deutscher Wettbewerbs- und Kartellrechtsexperte, sieht die Chance, mit der Sammlung von Daten zu mehr Wissen zu gelangen – etwa im Gesundheitssystem oder in der Mobilität. Aber: „Daten sind Ressourcen, um Produkte zu schaffen. Also werden sie nicht unbedingt mit Wettbewerbern geteilt“, gab er beim Forum Alpbach 2018 zu bedenken. „Manche nennen die Daten das neue Öl. Man kann damit so viel machen in unserer neuen Wirtschaft. Und natürlich wird versucht, Monopole zu bilden.“ Gut an Daten sei aber, dass sie teilbar seien und im Gegensatz zu Öl nicht endlich. Haucap: „Man kann Daten nicht verbrauchen.“ Bei aller technischen Komplexität ist die Einstellung der Menschen, die ihre Daten zur Verfügung stehen, das entscheidende Erfolgskriterium, sagt auch Andrea Servida, Leiterin der Abteilung „eGovernment and Trust“ der DG Connect der EU, überzeugt. Niemand gibt Daten her, ohne etwas dafür zurückzubekommen. Das müssen gute Lösungen sein, die einen Mehrwert bringen. Als Regierung muss man hier sehr transparent mit allem umgehen. Vorreiter in Sachen E-Government ist übrigens Estland, wo in den vergangenen Jahren viele Services der Verwaltung digitalisiert wurden.

Märkte besser überwachen

Die Entwicklungen auf dem Datensektor haben eine Debatte darüber ausgelöst, ob Wettbewerb und Datenschutz künftig stärker zusammengedacht werden müssen. Regierungen arbeiten daran, die rechtlichen Grundlagen im Digitalbereich noch stärker zu reglementieren. Mit dem erklärten Ziel, Märkte besser zu überwachen und Missbrauch von Marktmacht schneller abstellen zu können. Reglementierung in einer liberalen Wirtschaftswelt also. Ein erster Schritt in diese Richtung war das Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) im vergangenen Jahr.
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