Portraitbild von Florian Marcus

E-Government-Vorbild Estland

28. August 2019

Die baltische Republik gilt als E-Government-Vorzeigestaat. In Estland unterstützen IT-Anwendungen alle Lebensbereiche. Wir stellen Florian Marcus, Sprecher von e-Estonia, fünf Fragen.

Wie lange hat es gedauert, um Estland zu digitalisieren?

Die Digitalisierung ist auch in Estland nicht vollzogen, und das wird auch nie so sein – Digitalisierung ist ein Weg, kein eindeutiges Ziel. Die gesetzlichen Grundlagen wurden im Jahr 1994 geschaffen, die ersten Dienstleistungen waren um 2000 online, und seitdem wurde die Verwaltung konsequent durchdigitalisiert.

Estland ist Europas Vorreiter in Sachen Digitalisierung. Wie hat man das geschafft?

Erfindergeist und eine gute Portion Pragmatismus. Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit haben sich Politiker mit führenden IT-Spezialisten zusammengesetzt und darüber beraten, wie Digitalisierung Zeit, Geld und Stress sparen kann. Dabei muss angemerkt werden, dass diese Dienste sich organisch entwickelt haben – es gab keinen Masterplan im Jahr 1994, der alles bis 2019 durchgeregelt hat.

Nennen Sie bitte ein Beispiel für eine digitale Anwendung, die einen großen Effekt für die Menschen in Estland hatte.

Im Jahr 1999 hat Estland ein großes Problem für die Bevölkerung gelöst: die Online- Steuererklärung. Heutzutage ist diese komplett vorausgefüllt vom Staat, wir müssen im Online-Portal nur überprüfen, ob alle Angaben korrekt sind. Hier ist ein springender Punkt, den der estnische Staat schnell verstanden hat: Menschen haben keine Angst vor Online-Dienstleistungen. Sie wollen einfach nur keine schlechten Online-Dienstleistungen. Wenn der Staat einfache, zeitsparende Lösungen bereitstellt, egal ob on- oder offline, dann wird der/die Bürger/in diese auch nutzen.

Wie viel Skepsis gibt es in puncto Datensicherheit?

Im Staatsportal kann ich sehen, wer wann und aus welchem Grund auf welchen Teil meiner Daten zugegriffen hat. Wenn ein Zugriff womöglich unrechtens war, kann ich dagegen juristisch vorgehen. Dieser Grad an Transparenz existiert so momentan nur in Estland. Daher haben die Esten auch weniger Schwierigkeiten, dem Staat zu vertrauen. Abgesehen davon wird selbstverständlich viel Geld und Know-how in Cybersicherheit investiert.

Wie holen Sie Menschen ab, die digital nicht firm sind?

Generell: Jeder, der weiterhin offline staatliche Dienste nutzen will, kann das tun. Dazu kommt, dass digitale Dienstleistungen leicht verständlich gestaltet sein müssen – das Staatsportal ist dahingehend äußerst userfreundlich. Außerdem haben wir in den Amtshäusern auch Computer, welche die Menschen frei nutzen können, um staatliche Dienstleistungen wahrzunehmen – dazu gehören Menschen, die sich keinen Computer leisten können, Menschen mit Behinderungen und andere Leute, die nicht so firm in Sachen Digitalisierung sind. Diese Computer können auch mit Assistenz vom Personal benutzt werden, sofern Hilfe benötigt wird.
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