Gideon Greenspan erklärt die Blockchain, Mann in weißem Hemd gestikuliert im Rahmen einer Powerpointpräsentation

Gideon Greenspan zu Gast im BRZ

05. Oktober 2017

"Blockchain ist mehr als nur ein Hype", sagt Blockchain-Guru Gideon Greenspan im Interview.

Der erfolgreiche Technologieunternehmer Gideon Greenspan sprach mit uns über echte Neuerungen und große Potenziale bei IT-Systemen.

Wie würden Sie eine Blockchain einem technischen Laien beschreiben?

Eine Blockchain ist eine neue Art, eine Daten­bank zu verwalten. Sie ermöglicht, dass die Informationen der Datenbank direkt und sicher zwischen mehreren Parteien geteilt werden kön­nen. Keine dieser Parteien kann aber die Kontrolle der Datenbank übernehmen. Vereinfacht gesagt: Blockchains ermöglichen es, dass Daten kollektiv von mehreren Parteien gespeichert und aktualisiert werden können, ohne dass jemand die alleinige Verantwortung für diese Daten hat.

Was macht die Blockchain-Technologie so einzigartig?

Blockchains sind eine gänzlich neue Möglichkeit, miteinander eine Datenbank oder ein Archiv zu teilen. Selbst im IT-Bereich kommen Innovatio­nen mit so großem Potenzial nur selten vor.

Ist Blockchain nur ein weiterer Hype?

Ganz sicher werden Blockchains gerade gehypt. 80 Prozent von dem, was Sie darüber lesen oder hören, ist ungenau oder gar irreführend. Viele Leute denken etwa, dass Blockchains bei der Skalierbarkeit von Datenbanken unterstützen – das Gegenteil ist der Fall. Blockchains sind mehr als nur ein Hype, sie bieten etwas wirklich Neues. Wichtig ist, für jeden einzelnen Anwendungsfall abzuwägen, ob der Einsatz einer Blockchain sinnvoll ist oder nicht. Oft wird auch eine andere Technologie, z. B. eine zentrale Daten­bank, reichen.

Was sind die Herausforderungen beim Einsatz einer Blockchain?

Die zentrale Herausforderung besteht darin, dass jeder Knoten in einer Blockchain alles sieht, was in der Kette passiert. Dies steht im Gegen­satz zu einer zentralisierten Datenbank, in der jede Transaktion nur für die Gegenparteien und den zentralen Administrator der Transaktion sichtbar ist. Zuerst muss also geklärt werden, ob sich dieser Verlust der Vertraulichkeit für einen bestimmten Anwendungsfall eignet. Nutzen alle beteiligten Akteure ein gemeinsames IT-Sys­tem, dann müssen vorab Standardformate und -verfahren vereinbart werden. Die Wahrung aller Interessen und die Integration in bestehende IT-Landschaften sind oft nicht einfach. Dieses Problem habe ich auch bei Blockchains.

Wie sollte der öffentliche Sektor diese Technologie nutzen?

Einerseits kann man die Technologie nutzen, um verschiedenen Parteien die Kontrolle und den Zugriff auf eine Sammlung von Daten zu gewähren. Dazu gibt es Beispiele im Immobi­lien-, Finanz- und Bausektor. Die Aktivitäten der anderen Teilnehmer wären in Echtzeit nach­vollziehbar. Das eignet sich z. B. für ein großes Infrastrukturprojekt, in dem viele Parteien mit unterschiedlichen Interessen vertreten sind. Der öffentliche Bereich hätte einen Knoten in einer solchen Blockchain, um Informationen lesen und einbringen zu können. Andererseits kann man sie auch organisationsintern nutzen – etwa, um die Kontrolle über eine Datenbank inner­halb dieser Organisation zu dezentralisieren. Man kann so eine Manipulation oder Löschung von Daten durch Korruption oder schwerwie­gende technische Fehler verhindern. Das eignet sich für kritisch wichtige Datenbanken, wie z. B. ein Grundbuch.

Gibt es Probleme, die nur mit einer Blockchain gelöst werden können?

Nicht wirklich. Jede Anwendung, die eine Blockchain nutzt, könnte auch auf einer zent­ralen Datenbank aufgebaut werden. Aber den Satz kann man auch umkehren. Die Kernfrage lautet, ob der Wunsch besteht oder eben vermie­den werden muss, dass eine einzelne Partei die Kontrolle über eine Reihe von Daten behält.

Was ist Ihre persönliche Meinung zu Smart Contracts?

Smart Contracts sind weder schlau noch Ver­träge! Im Grunde ist es nur ein Computercode, der in eine Blockchain eingebettet ist und der durch Transaktionen ausgelöst werden kann, die in dieser Kette ausgeführt werden. Im Vergleich zu einfacheren Arten von Blockchain-Trans­aktionen, wie z. B. Datenspeicherung, ist die Verwendung eines solchen Codes riskant. Die Mehrheit der Blockchain-Anwendungsfälle kommt ohne Smart Contracts aus.

Was war für Sie die Initialzündung in puncto Blockchain?

Es begann mit einer Faszination für Bitcoin. Ich halte diese Kryptowährung für eine absolut brillante Erfindung. Das war auch der Grund, 2014 meine aktuelle Firma Coin Sciences Ltd. zu gründen, und schon bald haben wir uns auf MultiChain fokussiert.

Was ist MultiChain und wie arbeiten Sie mit dem BRZ zusammen?

MultiChain ist eine standardisierte Plattform zum Erstellen und Bereitstellen von permissioned, also privaten Blockchains. Es ist ein Äquivalent einer Datenbank wie von Oracle oder SQL, aber eben auf die Blockchain-Technologie ausgerichtet. Wir haben Partner­schaften mit über 50 Unternehmen, darunter Accenture oder PwC, die MultiChain für Kundenprojekte oder in eigenen Produkten einsetzen. Auf dieser Basis werden wir auch mit dem BRZ zusammenarbeiten.

 

Gideon Greenspan, PhD

Greenspan bezeichnet sich selbst als geborenen Technologieunternehmer. Schon als Kind hatte er einen Commodore VIC-20 und programmierte damit. Im Teenager-Alter stieg er ins Software-Geschäft ein und verkaufte über das Internet Macintosh-Shareware. Seitdem hat Greenspan zusammen mit anderen einige erfolgreiche Produkte entwickelt, darunter eine Plagiat-Suchmaschine und eine Sudoku-Website. Nebenbei hat er in Cambridge ein Informatik-Studium abgeschlossen. Für seine aktuelle Firma MultiChain konzentriert er sich auf die Definition der Produkt-Roadmap und die Interaktion mit Kunden.