"Wir wollen in die Champions League des E-Government"

31. Mai 2016

Mag. Markus Kaiser, seit Mai 2016 Geschäftsführer des Bundesrechenzentrums, spricht im Interview über die Chancen der digitalen Transformation, strategische Ziele, No-Stop-Shops und künstliche Intelligenz in der öffentlichen Verwaltung.

Portrait von Markus Kaiser, Geschäftsführer im BRZ

Sie waren in Führungspositionen in Deutschland tätig. Was reizt Sie nun daran, das österreichische Bundesrechenzentrum zu leiten?

Seit Mai 2016 gestalte ich mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die digitale Agenda Österreichs mit. Das mag ein bisschen pathetisch klingen, entspricht aber der Realität, denn das Bundesrechenzentrum
ist viel mehr als ein Rechenzentrum, das Kapazitäten und Support bietet. Wir entwickeln Anwendungen für die Zukunft der österreichischen
Verwaltung und sehen uns als Motor der digitalen Transformation im öffentlichen Bereich. Für mich bedeutet das, nicht nur Behörden und Verwaltungseinrichtungen bestmöglich zu betreuen, sondern acht Millionen Kundinnen und Kunden zu haben. Das ist eine spannende Herausforderung!

Ein großer Markt, den Sie bearbeiten.

Der wird sogar noch größer. Waren wir früher rein auf die Bundesverwaltung fokussiert, heißt unser heutiger Kernmarkt Public Sector. Er schließt also auch Länder, Gemeinden und ausgegliederte
Bereiche mit ein.

Was sehen Sie als größte Herausforderung dabei?

Wachsen können wir nur als hundertprozentig wettbewerbsfähiges
Unternehmen. Um mit dem Weltmarkt mithalten zu können, müssen wir die Kosten senken und gleichzeitig zusätzliche Services bieten.

Mehr Leistung zu geringeren Kosten: Wie soll das funktionieren?

Wir müssen unsere Ressourcen effizienter einsetzen. Dazu werden wir Abläufe, Werkzeuge und Plattformen stärker standardisieren,
aber auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter präziser ihrer
Qualifikationen entsprechend einsetzen sowie Weiterbildungsmaßnahmen exakt an den Bedarf anpassen. Wie wir arbeiten, wird sich stark verändern.

Die Welt verändert sich generell rasant schnell, diesbezüglich lastet auch auf der öffentlichen Verwaltung ein enormer Druck. Wie kann das Bundesrechenzentrum seine Kunden hier unterstützen?

Dank der digitalen Transformation steigen Produktivität
und Servicequalität der öffentlichen Verwaltung. Wir erreichen das, indem sehr viele Interaktionen zwischen Verwaltung und Kunden automatisiert werden. Auch die Zusammenarbeit untereinander, der Wissensabgleich oder der Zugriff auf Informationen werden erleichtert. In der digitalen
Transformation ist sehr viel mehr möglich als nur die Digitalisierung von Akten! Ein großes Thema ist beispielsweise die Betrugsbekämpfung. Mit komplexen Algorithmen und der Analyse von Handlungsmustern
sind wir bei Betriebs- und Steuerprüfungen bereits erfolgreich. Künstliche Intelligenz und Machine Learning werden hier zukünftig weiter an
Bedeutung gewinnen.

Gibt es von Seiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der öffentlichen Verwaltung auch Vorbehalte?

Es ist nicht immer leicht, über den Tellerrand zu schauen, alte Verhaltensmuster aufzugeben, Neues anzunehmen. Es gibt Bereiche, wie beispielsweise die Justiz, die hier Vorreiterrollen einnehmen und
zeigen, wie sicher und effizient man Technik einsetzen kann, um verbesserte Services bei gleichzeitiger Arbeitsentlastung zu schaffen.

Sehen Sie auch Grenzen?

Natürlich. Wo es um formale Voraussetzungen und Bereitstellung von Daten geht, kann ich automatisieren. Wo Entscheidungen zu treffen sind, ist der Mensch gefragt. Ein Gerichtsverfahren wird man nie digital abwickeln, die Zustellung des Urteils schon.

Wo wird die digitale Transformation für die Endkunden, also die Bürgerinnen und Bürger, am stärksten spürbar werden?

Ein Ziel ist beispielsweise, dass man nicht mehr an die Öffnungszeiten eines Amtes gebunden ist. In Zukunft wird ein neuer Pass vielleicht automatisch ausgestellt, wenn der alte ausläuft. Die Bürgerin und
der Bürger könnten über Smartphones sämtliche Prozesse, die sie mit der Verwaltung laufen haben, steuern, ob das nun die Steuererklärung oder ein
Strafmandat ist. Solche personalisierten Services, die mir über ein auf meine Bedürfnisse zugeschnittenes Portal umfassende Services bieten, sind die Zukunft. Unser Ziel muss es sein, das gesamte Verwaltungsservice für die Bevölkerung in einem No-Stop-Shop zu zentralisieren. Erst im Hintergrund sollte eine Verzweigung des Systems zum jeweiligen Zuständigkeitsbereich stattfinden. Vor zehn Jahren war Österreich beim E-Government in der Champions League, dahin wollen wir wieder
zurück! Wir werden verstärkt mit unseren Kunden Digitalisierungs-Roadmaps erstellen, also schlüssige Gesamtkonzepte, die zu besserem Bürgerservice und Arbeitserleichterungen führen.

Sind solche Systeme nicht auch ein Risiko in Bezug auf den Datenschutz?

Wir müssen lernen, Daten nicht als Risiko, sondern als Chance zu begreifen. Die öffentliche Sicherheitsdiskussion wird nicht immer rational geführt. Ich staune beispielsweise, dass mehr als dreieinhalb
Millionen Menschen in Österreich einen Facebook-Account haben und dort intimste Details aus ihrem Leben publizieren, gleichzeitig aber Probleme damit haben, wenn in einem extrem sicheren Umfeld wie
ELGA lebenswichtige Gesundheitsdaten zur Notfallprävention
gespeichert werden. Hier ein Umdenken zu schaffen, ist auch eine der Herausforderungen der digitalen Transformation.


Wenn Sie weiter in die Zukunft blicken: Wird Augmented Reality ebenfalls ein Thema für den öffentlichen Sektor werden?

Virtuelle Räume oder Situationen zur Verfügung zu stellen, ist im öffentlichen Bereich noch Zukunftsmusik. Aber warum sollte man sich nicht eines Tages in einem Amtsgebäude bewegen können, ohne dabei
den Arbeitsplatz zu verlassen? Oder aus Bürgersicht: Warum sollte ich mich nicht virtuell beraten lassen? Auf Augmented Reality liegt aber nicht unser Hauptfokus in Forschung und Entwicklung. Viel intensiver
sind wir mit Automatisierungsprozessen, Machine Learning und der Nutzung von künstlicher Intelligenz beschäftigt. Wir arbeiten sehr intensiv mit Partnern aus der Wissenschaft und von Technologiekonzernen
zusammen und werden unser Engagement in Forschung und Entwicklung noch weiter verstärken. Die Zukunft bleibt spannend!