"Artificial Intelligence wird die Abläufe der öffentlichen Verwaltung revolutionieren"

15. Mai 2019

Interview mit Mag. Clemens Schwaiger, Leiter der Bereiche Product Management und Digital Advisory im BRZ. Das gesamte Interview lesen Sie in unserem Kundenmagazin read_it 1/2019.

Porträtfoto

Sie führen im BRZ zwei Bereiche – Product Management und Digital Advisory. Inwiefern passt das zusammen?

In beiden Bereichen ist viel Gestaltungswille gefordert und beide beschäftigen sich intensiv mit der Bewertung von Technologien und der Entwicklung von Produkten. Der Unterschied liegt jedoch in der Phase, in der die beiden Bereiche im Produktentwicklungs-Prozess aktiv werden.

Digital Advisory ist als Speerspitze der Innovation zu sehen. Unsere Digital Consultants übersetzen zum einen komplexe neue Technologien, deren Einsatz in der Breite erst in zwei bis drei Jahren zu erwarten ist, in die Sprache und Realität der öffentlichen Verwaltung. Zum anderen unterstützen unsere Management Consultants bei großen Transformationsprojekten der Verwaltung. Gleichzeitig haben wir in diesem Bereich auch ein starkes Team von Data Scientists und Business Intelligence-Expertinnen und -Experten, die durch Artificial Intelligence und die Auswertung und Verknüpfung unterschiedlicher Datenquellen die Abläufe der öffentlichen Verwaltung revolutionieren.

Der Bereich Product Management hat die Gesamt-Verantwortung für den Lebenszyklus eines Produktes. Dies betrifft insbesondere die Zukunftssicherheit, Effizienz und Skalierbarkeit unserer Produkte und Dienstleistungen. Die Product Manager haben eine wichtige Steuerungsfunktion und verantworten die Produktstrategie und Produkt-Roadmap, betreiben ein durchgängiges Lifecycle Management, stehen in engem Austausch mit Kunden sowie End-Usern und steuern die Vermarktung. Für bestehende Kundenlösungen agieren unsere Product Manager als geschätzte Ratgeber für unsere Kunden und zeigen Möglichkeiten zur Weiterentwicklung und Effizienzsteigerung auf. Für kundenübergreifende Lösungen und Infrastruktur agieren sie ähnlich einem Unternehmer und stellen eine marktkonforme Leistungserbringung im Interesse einer Vielzahl an Kunden in der Verwaltung sicher. Hier werden sie insbesondere in der IT-Konsolidierung eine wichtige Rolle einnehmen.

Digitalisierung durchdringt den Alltag. Über 96 % mobile Internetnutzung in Österreich. E-Government soll M-Government werden. Wie beeinflusst diese Entwicklung das Product Management im BRZ? Welche Herausforderungen bedingt dieser Trend?

Die Großkonzerne des Silicon Valley haben bereits vor einigen Jahren die Leitlinie „mobile first“ ausgegeben, das heißt ein Online-Angebot zunächst auf die Usability auf mobilen Endgeräten zu optimieren und Desktop-Angebote daraus abzuleiten. Auch im Kontext der öffentlichen Verwaltung ist in vielen Fällen das Smartphone der erste Anknüpfungspunkt für Interaktion durch die/den Bürger/in. Im Februar 2019 konnten wir zum Beispiel auf help.gv.at mehr als 63 % der Zugriffe ausgehend von mobilen Endgeräten verzeichnen. In der Produkt(weiter)entwicklung müssen wir daher höheres Augenmerk auf die Bedürfnisse von mobiler Nutzung legen. Zusätzlich dazu gilt es auch zu beachten, dass Bürger/innen in ihrer Rolle als Konsumenten von digitalen Diensten an eine hohe Frequenz der kontinuierlichen Verbesserung gewöhnt sind. Benutzeroberflächen werden laufend angepasst, Funktionsumfänge erweitert und Abläufe optimiert. Auch in diesem Punkt dürfen die digitalen Angebote der öffentlichen Verwaltung daher nicht stillstehen. Agile Methoden der Produktentwicklung werden daher in den kommenden Jahren viel relevanter werden als dies heute der Fall ist.

Welche Trends beeinflussen die digitale Transformation zurzeit am stärksten?

Bei der digitalen Transformation geht es ja nicht darum, (Verwaltungs-)Prozesse digital abzubilden, sondern diese gänzlich neu zu denken. Dazu bedarf es neuer, moderner Arbeitsweisen. Ich denke da zum Beispiel an Lean Management, das wir gerade unternehmensweit implementieren, oder an Design Thinking, um etwa im Rahmen von Workshops in der BRZ Innovation Factory Prototypen zu entwickeln. Artificial Intelligence, Machine Learning und Predictive Analytics sind alles Werkzeuge, die wir unseren Kunden zur Verfügung stellen können. Das neue Amt für Betrugsbekämpfung im Finanzministerium wird mit solchen Tools gegen Steuerbetrug vorgehen. Wir stehen am Anfang einer Revolution wie Menschen mit Maschinen interagieren. Im BRZ arbeiten wir daher intensiv daran, in Prototypen den Einsatz von Spracherkennung, Augmented Reality und Gestik-Steuerung für die öffentliche Verwaltung zu testen. Im BRZ spielen wir bei all diesen Themen im europäischen Vergleich bereits ganz vorne mit und werden unsere Aktivitäten diesbezüglich kontinuierlich ausbauen.

Wo sehen Sie die größten Chancen für den öffentlichen Sektor in Bezug auf die Digitalisierung?

Eine der zentralen Herausforderungen der nächsten Jahre wird die Alterspyramide im öffentlichen Dienst darstellen. Aktuell gehen jährlich an die 3.000 bis 5.000 Bundesbedienstete in Pension. Die Digitalisierung muss in der Automatisierung vieler dieser Tätigkeiten und vor allem der Sicherung des damit verbundenen Prozesswissens und fachlichen Know-Hows eine zentrale Rolle spielen. Zusätzlich dazu ermöglichen digitale Schnittstellen zwischen Bürger/innen und der Verwaltung einen immensen Produktivitätsgewinn. Ein schönes Beispiel dafür ist das Once-Only-Prinzip: Basisdaten sollen nur einmal erhoben werden, für zukünftige Verfahren wiederverwendet und mit Zustimmung der Bürger/innen unter den Behörden ausgetauscht werden können. Dies resultiert in schnelleren Durchlaufzeiten und einer höheren Prozessqualität.