Roland Ledinger im Interview

"Die IT-Konsolidierung müssen wir partnerschaftlich angehen"

15. Dezember 2021

BRZ-Geschäftsführer Roland Ledinger im Interview.

Was sind die Herausforderungen, wenn man nach 35 Jahren in der Verwaltung nun als BRZ-Geschäftsführer neu durchstartet?
Unsere größte Herausforderung ist derzeit die IT-Konsolidierung. Das wird uns nur als partnerschaftliche Anstrengung gelingen. Da ich die Seite des Kunden gut kenne, kenne ich auch die Bedürfnisse der Verwaltung gut. In den letzten Wochen habe ich im BRZ extrem gute, sehr engagierte Mitarbeiter:innen kennengelernt, die hochprofessionell arbeiten. Das wird von den Kunden nicht immer so gesehen. Dieses Bild gilt es geradezurücken. Wir sind nicht die Werkbank unserer Kunden, wir sind deren verlängerter Arm. Wir müssen uns den Herausforderungen gemeinsam mit unseren Kunden partnerschaftlich stellen.


Wie sieht ein gelungenes Verhältnis des Auftragnehmers zu seinen Kunden aus?
Was wird sich für die BRZ-Kunden spürbar ändern?

Eine spürbare Änderung ist meine Person als Gegenüber. Der Kunde kann sich nun sicher sein, dass ich sehr gut weiß, wie es ihm geht. Wir sind kein klassischer IT-Dienstleister, wir unterstützen beim Lösen anstehender Probleme. Christine Sumper-Billinger und ich sind uns einig, dass ein gelungenes Stakeholder-Management neben technischen und fachlichen auch soziale Komponenten beinhalten muss. Das Verhältnis des Auftragnehmers zu seinen Kunden soll ein partnerschaftliches sein. Nur so kann gegenseitiges Vertrauen entstehen.

Welche Impulse muss das BRZ setzen, um sich als Kompetenzzentrum für Digitalisierung in der Bundesverwaltung zu positionieren?
Vorrangig geht es darum, für unsere Kunden das richtige Leistungspaket zu schnüren und dieses auch sichtbar zu machen. Wenn jemand mit einer Aufgabenstellung zu uns kommt, dann haben wir die Expertise und Erfahrung sowie die Tools, um diese zu lösen. Wir können Design-Thinking- Workshops anbieten. Wir können Innovationsprozesse begleiten. Wir können auf Best Practices verweisen. Wir können in einem Technologie- Radar internationale Vergleiche ziehen und auch Showcases bieten. Einerseits muss der Kunde bereit sein, das zu finanzieren. Andererseits muss er auch den Nutzen und Mehrwert spüren, den er dadurch hat. So wird man ganz von selbst zum Kompetenzzentrum für Digitalisierung.

Welche Innovationsthemen treiben die digitale Transformation der Verwaltung?
Ich halte nicht viel davon, sich nur an Technologien oder Trends zu orientieren. Mir sind Anwendungen, die unseren Kunden oder den Bürger:innen und der Wirtschaft entsprechend Nutzen und Mehrwert bringen, wichtiger. Ganz pragmatisch: Als User ist mir eigentlich egal, wie das letztlich technologisch umgesetzt wird.

Welche innovativen Services würden Sie selbst einführen, wenn das „von heute auf morgen“ leicht möglich wäre?
Es stellt sich die Frage, wie docken die Leute an die Verwaltung an? Oder: Wie kann ich den Bürgerinnen und Bürgern und der Wirtschaft das Leben vereinfachen? Über Amtsstuben und selbst mit Online-Formularen werde ich junge Leute nicht mehr erreichen. Also muss man vorhandene Daten optimal nutzen. Wenn ich als Verwaltung anhand von Daten weiß, dass jemand gerade mit dem Thema „Umzug“ beschäftigt ist, kann ich aktiv meine Unterstützung anbieten? Könnte ich nicht aktiv auf ein nötiges Parkpickerl oder einen offenen Kindergartenplatz hinweisen? Oder wenn jemand ein Unternehmen gründet, könnte ich da nicht automatisch über entsprechende Förderungen informieren? Das Datenthema ist ein zentrales Thema von großer Relevanz.

Sie waren beim E-Government in Österreich von Stunde null an dabei. Was sind/waren jene Services, in denen Ihr Herzblut steckt?
Bei allem, was wir in Österreich beim Thema E-Government geleistet haben, war immer das Big Picture wichtig. Egal welches Service, man muss dieses ganzheitlich betrachten. Nur mit Standardisierungen werden wir Nachhaltigkeit erzeugen. Dazu fällt mir etwa die Handy-Signatur ein. Die technische Basis dafür ist schon zwei Jahrzehnte alt und sie ist auch Grundlage der aktuellen eID. Im Idealfall muss man für eine neue Anforderung nicht immer alles neu denken, sondern kann das Problem mit der richtigen Kombination bestehender Standard-Module lösen. Das ist die Stärke von E-Government in Österreich.


Im Bereich E-Government schneidet Österreich international stets gut ab. Mit welchen unserer Lösungen brauchen wir uns nicht zu verstecken, welche können als Vorbild dienen?
Wir probieren Dinge einfach aus. Da sind wir gut. In Deutschland machen sie tolle Konzepte, die alles zu 100 % berücksichtigen Wir gehen schon bei 80 % in die Umsetzung und sind deshalb oft schneller als unsere nördlichen Nachbarn. Recht zaghaft sind wir in Sachen Synergien, Konsolidierung und Zusammenarbeit. Da bremst uns oft der Föderalismus aus. Bei kooperativen Ansätzen haben nordische Länder oft die Nase vorne – und auch was digitale Transformation ohne Festhalten an traditionellen Prozessen betrifft.

Was nehmen wir aus der Corona-Zeit im Bereich Digitalisierung als Learning langfristig mit?
Ist der Außendruck groß, kann man in der Digitalisierung schnell einen Boost erreichen. Niemand hat vorher gedacht, wie schnell Distance Learning an den Schulen oder Unis möglich ist oder wie reibungslos plötzlich Home Office möglich ist. Trotzdem darf man dabei die Leute nicht verlieren. Digitalisierung hat ja auch eine soziale Komponente, wenn ich ans Home Office denke, oder es ist eine gewisse digitale Kompetenz nötig, die nicht immer alle mitbringen. Digitalisierung darf uns auch nicht spalten.

Stichwort Fachkräftemangel. Wie kann das BRZ im Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte mitmischen und wie hegt und pflegt man bestehende Mitarbeiter:innen?
Das Thema beschäftigt die komplette IT-Branche. Es gilt im Haus ein Klima der Wertschätzung zu schaffen, in dem man seine Expertise gerne einbringt. Fachkräfte kann man nicht nur anwerben, Fachkräfte kann man gezielt mit Aus- und Weiterbildung auch selbst zu solchen machen. Die BRZ-Academy oder unsere Lehrlingsinitiative sind kleine, aber wichtige Puzzlesteine auf dem Weg dorthin.

Was würden Sie einem jungen Menschen, der sich für einen IT-Beruf interessiert, heute raten?
Im BRZ anzufangen! (lacht) Während ich von der Privatwirtschaft in die Verwaltung gewechselt bin, habe ich etliche Leute gekannt, die mit derselben Ausbildung zu großen Konzernen gegangen sind. Die sind schnell an ihre Grenzen gestoßen, weil sie etwa irgendwelche Richtlinien aus den USA befolgen mussten und als kleine Rädchen im großen Werk nur wenig bewegen konnten. In unserem Bereich sind das Potenzial und der Spielraum groß. Man muss nur sichtbar machen, wie sehr man hier im BRZ den Staat mitgestalten kann. Wir kreieren Services – vom digitalen Führerschein über FinanzOnline bis hin zum Grünen Pass –, die das tägliche Leben aller Österreicher:innen beeinflussen. Das ist die Motivation, hier im BRZ zu arbeiten.

Das Interview ist in read_it Ausgabe 03/21 erschienen.
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