Von Vogelschwärmen und Kooperation in sozialen Netzen

Was haben riesige Vogelschwärme und soziale Netze im Internet gemeinsam?

Was haben riesige Vogelschwärme und soziale Netze im Internet gemeinsam? Sehr viel, meinen Ökonomen und Zukunftsforscher. Beide – Vogelschwärme wie soziale Netze – funktionieren ohne klare Regeln, ohne eine erkennbare ordnende Hand. Nicht unbedingt ein Managementprinzip, von dem Unternehmen träumen.

Trotzdem lassen sich immer mehr Unternehmen auf diese „Schwarmintelligenz“ im Netz ein und erproben neue, vielversprechende Wege der Zusammenarbeit mit ihren Kunden. Ein brandaktuelles Thema auch bei der E-Government Konferenz des BRZ Anfang Dezember in der Hofburg in Wien.

Dem kanadischen Wirtschaftsprofessor Don Tapscott,  Autor des BestsellersWikinomics“, haben es Vögel angetan. Genauer gesagt – der europäische Star. Mit den starling murmurations, jenen oftmals bizarren Flugformationen, in denen Tausende Stare wie von unsichtbarer Hand gelenkt über den Himmel ziehen, beschreibt er seine Thesen zur Zusammenarbeit im Zeitalter des Internets und der sozialen Netze. „There is Leadership, but not one leader“, stellt Tapscott fest. Frei übersetzt: Alle verfolgen ein gemeinsames Ziel, ohne das einer allein den Ton angibt. Zusammenarbeit sozusagen auf einem höheren Niveau.

Mehrwert für die IT-Wirtschaft

Nette Geschichte, könnte man meinen, aber worin liegt der Mehrwert für die IT-Branche? Es ist nicht nur Don Tapscott, der meint, dass neue Formen der Zusammenarbeit nach dem Prinzip sozialer Netze die Wirtschaft gewissermaßen auf den Kopf stellen werden. Für BRZ-Geschäftsführer DI Roland Jabkowski ein guter Grund, das Thema in den Mittelpunkt der E-Government Konferenz 2013 Anfang Dezember in Wien zu stellen. Jabkowskis Frage vorab: „Wie können wir unsere Geschäftsmodelle, unsere Arbeitsweise, im Zeitalter des Internet und der sozialen Netze auf eine neue Ebene bringen, auf den vielzitierten Next Level? Wie können wir davon profitieren?“

Gemeinsam sind wir klüger

Die Ökonomie des 21. Jahrhunderts ist laut Florian Kondert vom Zukunftsinstitut von Kooperation geprägt. Die Ökonomie des 21. Jahrhunderts ist laut Florian Kondert vom Zukunftsinstitut von Kooperation geprägt. Bild vergrößern

Diese Fragen nimmt Florian Kondert vom Zukunftsinstitut in seinem Gastreferat bei der E-Government Konferenz auf. Meta-Medium des Alltags nennt er das Internet, das Netz sei längst überall und verändere Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur. Der rasante Aufstieg der sozialen Medien zeige, so Kondert, dass diese Vernetzung weniger technologiegetrieben, sondern vor allem ein sozialer Prozess sei. Die Schlussfolgerung des Zukunftsforschers: „Die Ökonomie des 21. Jahrhunderts ist von Kooperation und Ko-Kreation geprägt. Internet und Digitalisierung ermöglichen neue, dezentrale Netzwerke. Komplexe Herausforderungen lassen sich so in viele kleine Teile zerlegen und unabhängig voneinander lösen.“

Was kann man sich darunter konkret vorstellen? Gemeinsam sind wir klüger, haben viele Unternehmen als Devise ausgegeben und ihre Kunden eingeladen, mitzureden und mitzugestalten. Nivea beispielsweise entwickelt mit der sogenannten Crowd online neue Kosmetikprodukte, so wie es Nike mit neuen Sportartikeln macht. Die Coffeeshop-Kette Starbucks holt sich von seinen Kunden laufend Ideen über das Netz. Der Computerhersteller Dell lässt sein Kundenservice über die Plattform IdeaStorm.com von Kunden erledigen und holt sich von dort ständig neue Anregungen. Das Beispiel Dell zeigt, dass die Kunden nur dann mitmachen, dass diese sogenannte Ko-Kreation nur funktioniert, wenn es ein gegenseitiges Geben und Nehmen ist. Dell wurde von seinen Kunden in einem Shitstorm auf Grund schlechter Servicequalität zu dieser Kursänderung geradezu gezwungen.  

Vertrauen als Währung der Netzwerke

Zukunftsforscher Kondert sieht zwei Grundbedingungen für erfolgreiche Kooperation und Ko-Kreation: Offenheit und Transparenz. Kondert kennt die Unsicherheit, die viele Firmen in diesem Zusammenhang erfasst. Welche und wie viele Informationen müsse man teilen, um kollaborativ an Problemlösungen zu arbeiten, laute eine der Fragen dazu. Eine andere: Wie lasse sich Vertrauen – die Währung der Netzwerke – in den manchmal nur virtuellen Beziehungen begründen?

Zugespitzt formuliert: Mit übertriebener Geheimniskrämerei lässt sich im Zeitalter der digitalen Revolution kein Hund hinter dem Ofen hervorlocken. Aber wer lässt sich schon gerne in die Karten schauen, insbesondere in der IT-Branche? Nun, große IT-Konzerne haben den Mehrwert erkannt. So hat einer von ihnen der freien Programmiererszene für die Arbeit an Open Source-Lösungen Software im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar zur Verfügung gestellt. Der Kickback, also der Gewinn aus diesen Gegengeschäften, geht dem Vernehmen nach in die Milliarden.

Neuer kooperativer Ansatz

BRZ-Geschäftsführer DI Roland Jabkowski erläutert den „kooperativen Ansatz“. BRZ-Geschäftsführer DI Roland Jabkowski erläutert den „kooperativen Ansatz“. Bild vergrößern

Transparenz und Offenheit lautet das Bekenntnis des BRZ in seinem neuen „kooperativen Ansatz“ bei Kundenprojekten. Was BRZ-Geschäftsführer DI Roland Jabkowski bei der E-Government Konferenz auch eine zwingende Konsequenz aus der neuen Rolle des BRZ seit dem IKT-Konsolidierungsgesetz nennt. „Wenn unser Angebot nachvollziehbar marktkonform ist“, zitiert er aus dem Gesetz, „dann sind wir mit der Umsetzung von IKT-Lösungen in der öffentlichen Verwaltung zu beauftragen“. Jabkowski sieht das einerseits als großen Vertrauensbeweis, als Wertschätzung für die Arbeit des BRZ in den vergangenen Jahren.

Andererseits, so der BRZ-Geschäftsführer, sei es eine große Verantwortung. Die Leistungen des BRZ würden „unter dem Mikroskop des Marktes“ mehr denn je kritisch auf ihre Qualität geprüft. Jabkowski: „Unsere Antwort auf diese Herausforderung ist klar – nur durch mehr Transparenz und Offenheit können wir mehr Vertrauen schaffen. Für uns geht es darum, neue Wege in der Zusammenarbeit mit unseren Kunden einzuschlagen.“

Unfallfrei

Aus social media wird social production, prognostiziert der eingangs zitierte Don Tapscott. Die Phantasien darüber, wie das genau funktionieren kann, werden gerade erst geweckt. Wie die Flugformationen der riesigen Vogelschwärme gelingen, konnten Forscher trotz jahrelanger Bemühungen ja auch noch nicht herausfinden. Wie gut sie funktionieren, haben sie festgestellt – in jahrelanger Beobachtung wurde angeblich kein einziger „Flugunfall“ registriert.